Wölfe – zurück in Deutschland
Um das Jahr 1850 waren Wölfe in Deutschland verschwunden; die letzten Hinweise auf Wolfsrudel verloren sich zu dieser Zeit in Brandenburg. In den folgenden Jahrzehnten wurden immer mal wieder einzelne Tiere gesichtet, die vermutlich aus Polen einwanderten und meist direkt erschossen wurden. In den späten 1990er Jahren wurden jedoch erstmals wieder mehrere Tiere in Sachsen beobachtet, die sich hier niedergelassen hatten. Dies war nur möglich, weil Wölfe 1990 in Deutschland unter Naturschutz gestellt wurden.
In der Muskauer Heide in der Oberlausitz / Sachsen wurde dann auch im Jahr 2000 die erste erfolgreiche Aufzucht von Wolfswelpen nachgewiesen. Seitdem breitet sich der Wolf Stück für Stück in fast allen Bundesländern aus, aktuell wird laut NABU von über 200 Rudeln, fast 50 Paaren und knapp 20 sesshaften Einzeltieren in 274 Wolfsterritorien ausgegangen. Aus Sicht von Naturschützern gilt dies als großer Erfolg.
Merkmale
Der Europäische Grauwolf oder auch eurasische Wolf (lateinisch: Canis lupus lupus) ähnelt vom Aussehen her dem Haushund, der wiederum ursprünglich von ihm abstammt. Im Vergleich zum Hund hat er jedoch einen längeren Rumpf, ist hochbeiniger mit einem schmaleren Brustkorb. Die Rückenlinie ist gerade, die Rute hängt beim Laufen herab. Das Fell ist meist grau-braun und die Schwanzspitze schwarz gefärbt. Charakteristisch ist der dunkle Sattelfleck auf dem Rücken; seitlich des Mauls und auf der Bauchseite ist das Fell hell bis weiß.
Im Trab ergibt die Wolfsspur eine gerade Linie, da die Hinterpfoten exakt in die Abdrücke der Vorderpfoten gesetzt werden. Wie alle Tiere der Gattung Canis hat der Wolf 42 Zähne in seinem sogenannten Scherengebiss, es kann einen Druck von etwa 15 kg pro Quadratzentimeter ausüben und Knochen bis aufs Mark zerbeißen.
Seine Augen sind nach vorne gerichtet und ermöglichen ein räumliches Sehen. Seine Artgenossen kann er jedoch nur auf 30 bis 50 Meter Entfernung identifizieren, er hat ein geringeres Farbspektrum als wir und kann unbewegliche Objekte in der Ferne kaum sehen. Im Gegenzug nimmt er weit entfernte Bewegungen exzellent wahr, z. B. ein winziges Insekt in einem Radius von drei Metern oder ein fliehendes Reh auf einer Waldlichtung. Besonders gut angepasst sind seine Augen an die Dämmerung und Dunkelheit, was ihm in der Nacht eine effektive Jagd auf Beutetiere ermöglicht.
Der Wolf kann bis zu 1000 Mal besser riechen als der Mensch und nimmt die Witterung von Artgenossen oder Beutetieren auf bis zu zwei bis drei Kilometer Entfernung wahr. Auch eine drei Tage alte Spur kann er noch sicher verfolgen. Er kann außerdem außerordentlich gut hören, nimmt Töne bis zu 40 Kilohertz war und kann andere Wölfe in kilometerweiter Entfernung erkennen. Durch seine drehbaren Ohrmuscheln kann er genau lokalisieren, wo ein Geräusch herkommt und auf diese Weise sogar kleine Beutetiere im Tiefschnee ausmachen.
Lebensraum und Nahrung
Einst waren Wölfe in ganz Europa verbreitet, wurden aber in weiten Teilen vom Menschen ausgerottet. Durch Schutzbemühungen und Jagdverbote nehmen die Bestände mittlerweile wieder zu, u. a. in Polen, Italien und Kroatien. In Deutschland haben sie sich zunächst im Osten niedergelassen, wo bis heute die meisten Rudel vorkommen. Da sie als sehr anpassungsfähige Tiere gelten, sind sie mittlerweile in fast allen anderen Bundesländern – mit Ausnahme der Stadtstaaten – ebenfalls heimisch.
Sie können unterschiedliche Lebensräume bewohnen, bevorzugen aber lockere Waldgebiete und Grasland mit ausreichend Rückzugsmöglichkeiten und Beutetieren. Um sich in einem Gebiet dauerhaft anzusiedeln, benötigen sie außerdem Wasser und ungestörte Plätze, um ihren Welpen aufzuziehen. Normalerweise meiden Wölfe Menschen, Begegnungen sind äußerst selten. Sie wagen sich immer mal wieder auf unzureichend geschützte Viehweiden vor, obwohl Schafe oder auch Pferde eigentlich in ihrer Ernährung nur eine untergeordnete Rolle spielen. Ihre Hauptnahrung besteht aus Wildtieren wie Rehen, Rothirschen, Frischlingen und Wildschweinen, aber auch Kleinnagern.
Ausgewachsene Tiere benötigen etwa 2 bis 3 Kilogramm Fleisch pro Tag. Bei Nahrungsknappheit können sie bis zu zwei Wochen hungern, nach einer erfolgreichen Jagd aber auch bis zu 11 Kilogramm Fleisch auf einmal hinunterschlingen. Wölfe jagen meist gemeinsam mit klar verteilten Rollen - nur so können sie größere Beutetiere erlegen und das Überleben des Rudels sichern. Um Energie zu sparen, jagen Wölfe bevorzugt alte, kranke oder junge Beutetiere, die langsamer und somit leichter zu erlegen sind. Ist die Jagd aussichtslos, brechen sie ab, um keine unnötige Energie zu verschwenden.
Lebensweise und Fortpflanzung
Wölfe leben in einem Rudel mit einer genau definierten Sozialstruktur. Es umfasst - mit einem Elternpaar an der Spitze, dem Nachwuchs aus dem Vorjahr und den aktuellen Welpen - acht bis zehn Tiere.
Wölfe sind mit zehn Monaten ausgewachsen, werden meist jedoch erst mit 22 Monaten geschlechtsreif. Zu diesem Zeitpunkt verlassen die Tiere das Rudel und suchen sich einen Partner und ein eigenes Revier, um selbst Nachwuchs zu bekommen.
Die Territorien umfassen etwa 150 bis 200 Quadratkilometer, wobei die Größe durch das Nahrungsangebot bestimmt wird. Täglich legt ein Wolf im Schnitt 20 Kilometer innerhalb seines Territoriums zurück. Abgewanderte junge Wölfe, die auf Partner- und Reviersuche sind, schaffen auch bis zu 80 Kilometer pro Tag.
Die Elterntiere paaren sich einmal im Jahr zwischen Januar und März; nach etwa 64 Tagen bringt die Wölfin in einer Höhle ein bis elf blinde und taube Welpen zur Welt. Die Jungen öffnen nach rund 20 Tagen die Augen, machen nach vier Wochen erste Streifzüge vor die Höhle und werden nach sieben bis neun Wochen von der Mutter entwöhnt. Nun beteiligt sich das ganze Rudel an der Aufzucht der Jungtiere: Einzeltiere passen beispielsweise bei Beutezügen des Rudels auf sie auf oder würgen angedautes Futter für die jüngeren Geschwister hervor.
Das Sozialverhalten wird durch ausgeprägte Körpersprache, Mimik und auch Lautäußerungen von den Eltern und älteren Geschwistern erlernt. Durch präzise Dominanz-, Unterwerfungs- und Beschwichtigungsgebärden ist jederzeit klar, wo welcher Wolf im Familiengefüge seinen Platz hat.
Gefährdung und Gefahren
In Deutschland haben Wölfe keine natürlichen Feinde und stehen an der Spitze der Nahrungskette. Die größte Bedrohung stellt der Mensch dar, in verschiedener Hinsicht: Bei ihren Beutezügen überqueren sie Verkehrswege und Straßen, so dass es regelmäßig zu Unfällen mit Autos oder Bahnen kommt. Laut dem Deutschen Naturschutzbund starben in den letzten 20 Jahren über 200 Wölfe nur im Straßen- und Schienenverkehr.
Aktuell ist die Jagd auf Wölfe illegal ist und die Tiere sind streng geschützt. Jedoch fürchten vor allem Weidetierhalter und Landwirte um ihre Tiere. Die Bundesländer regeln den Umgang mit Wolfspopulationen noch selbst, z. B. durch Managementpläne und Empfehlungen zum Herdenschutz. Die neue Bundesregierung erwägt nun, den herabgestuften EU-Schutzstatus des Wolfes in nationales Recht umzusetzen, damit sie leichter geschossen werden können. Dafür müsste er vorab ins Jagdrecht aufgenommen werden. Gleichzeitig soll das Bundesnaturschutzgesetz geändert werden, damit eine „regulierte und rechtssichere Entnahme“ von Wölfen, die eine Gefahr für Herdentiere darstellen, möglich ist.